Sonntag, 11. September 2011

Altes: Erinnerung an die Deutschbaltin Eugénie Freymann (1885 - ?)


Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt 1939 besiegelte das Schicksal der seit rund 700 Jahren in den baltischen Ländern ansässigen Deutschen, der Baltendeutschen, einer Minderheit, die aber großen Einfluß auf die Kultur, das Geistesleben und die Wirtschaft, besonders in Lettland und Estland, gehabt hatte, siehe auch zur Geschichte der Baltendeutschen: http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsch-Balten. Jahrhundertelang prägte auch, neben dem baltendeutschen Stadtbürgertum, der baltendeutsche Landadel die baltischen Länder. Legendär waren die weit voneinander entfernten Landsitze der baltendeutschen Gutsbesitzer und ihre eigenständige Lebensweise. Am besten kann man sich in diese Zeit bei den Werken des wohl bekanntesten baltendeutschen Schriftstellers Eduard von Keyserling (http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_von_Keyserling)  hinein fühlen. „Abendliche Häuser“ war ein Buch von ihm, das sogar zu DDR-Zeiten erschien und welches ich mit Begeisterung gelesen habe, siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Abendliche_H%C3%A4user. Dieses Buch beschreibt aber auch den Niedergang des deutschbaltischen Landadels. Schon in den Büchern Eduard von Keyserlings, die um 1900 spielen, wird deutlich, daß auch ohne die großen geschichtlichen Umwälzungen die Blütezeit der deutschen Minderheit im Baltikum vorbei war, war doch die deutschbaltische Volksseele der Schwermut und der Lethargie zugeneigt, dies aber in kultivierter Form.

1939 wurden die meisten Deutschbalten aufgrund des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes aus ihrer angestammten Heimat ausgesiedelt. Nach der deutschen Okkupierung der baltischen Länder im 2. Weltkrieg kehrten einige Deutschbalten kurzzeitig wieder in ihre Heimat zurück um dann beim Vormarsch der Roten Armee fluchtartig und nun endgültig das Baltikum verlassen zu müssen. Ein großer Teil dieser Flüchtlinge fand in Dresden Zuflucht, bis die fast totale Vernichtung der Stadt durch das anglo-amerikanische Terrorbombardement im Februar 1945, auch tausenden sich in Dresden aufhaltenden Flüchtlingen das Leben nahm. Überlebende des Infernos wurden auf kleinere Orte der Umgebung aufgeteilt, so auch nach Struppen, dessen Schloß zu einem Flüchtlingsheim umfunktioniert wurde. Bevor Walter und Lotte Timmling (siehe über beide in meinen zahlreichen Blogbeiträgen), nach Weesenstein kamen, verbrachten sie auch einige Zeit dort in diesem Flüchtlingsschloß. Dort lernten sie die Deutschbaltin Eugénie Freymann kennen. Am 18. Juni 1885 in Fellin (Estland) geboren, war sie von 1912-1916 Hofdame und Bibliothekarin am Zarenhof in Sankt Petersburg. Wie die Timmlings kam sie auch nach Weesenstein, aber im Gegensatz zu diesen blieb sie dort nur kurze Zeit, sie wurde nach Cottbus umgesiedelt, wo sie noch in den 50er Jahren wohnte. Über ihren weiteren Verbleib, Todestag etc. ist mir nichts bekannt.

Lebensart und Mentalität der deutschbaltischen Flüchtlinge beeinflussten nach 1945 das Geistesleben einiger weniger Deutscher, so auch das der Timmlings. Die fatalistische Lebenseinstellung auf der Grundlage von innerem Adel vieler Deutschbalten kommt in einem Brief von Eugénie Freymann an die Timmlings zum Ausdruck (... Man muß in Geduld tragen, nicht bloß hinnehmen, beschwert sein usw., sondern tragen, dann wird einem der Weg leichter und lichter...). Die Sehnsucht nach der baltischen Heimat wird in einem Brief vom 18.5.54 deutlich (...und etwas Besseres als Heimat gibt es wohl für keinen Menschen..), einer Sehnsucht die in der DDR als revanchistisch abgetan wurde, eine primitive Einstellung die nur grobgestrickte Menschen haben können, aber kein Wunder bei der damaligen herrschenden Partei, der SED, wo Menschen Mitglied wurden, deren Sozialisation in primitiven Milieus stattfand. In einer Zeit wo das unterste nach oben gekehrt wurde und wo Feingeistigkeit kaum mehr Platz fand, fand auch das Schicksal der Baltendeutschen kaum Beachtung in der Öffentlichkeit. Es ist aber dennoch interessant wie Bekanntschaften die man nicht selber machte, geistig fort wirken, so habe ich durch die Arbeit bei der Kunstwissenschaftlerin Lotte Timmling nicht nur deren Geisteswelt aufsaugen können, sondern auch die ihres Mannes und ihrer damaligen Freunde, so auch die Denkwelten einer Eugénie Freymann, die dann in irgendeiner Form in meine eigene Denkweise, Mentalität und Arbeiten einfließen. 

Foto oben: Eugénie Freymann, Fotograf unbekannt
Foto unten: Schloß Struppen im Winter 1945, Fotograf unbekannt   

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